Aus der Reihe Interviews – hier mit Iris Radisch – DIE ZEIT
Hinweise zum Projekt “Interviews als Textsorte”
Vor einigen Jahren wurde in den Klassen 10 des FRG in Dannenberg im Rahmen des Projekts diskutiert, wie wir neben den analytischen Fertigkeiten “Literatur zum Be-greifen” vermitteln können. Meine damaligen Schüler/-innen schlugen nach der Lektüre von einigen Interviews von Giovanni di Lorenzo mit Helmut SCHIDT vor, “interessante Menschen im Landkreis” in ähnlicher Weise zu interviewen. Alle Fragen wurden von den Schülerteams selbstständig entwickelt, ohne meine direkte Intervention. Nur in einzelnen Fällen musste ich ein wenig nachsteuern bzw. sprachlich korrigieren. Die Qualität der Interviews hat mich damals fasziniert, vor allem auch die Art der Vorbereitungen und Durchführungen. In einer Nachbesprechung und Auswertung wurde deutlich, das die Schüler/-innen dieses ca. 4 wöchige Projekt in ganz besonderer Weise angingen und Verantwortung für das Ergebnis übernahmen. Sie waren am Schluss stolz auf ihre vorzeigbaren Ergebnisse. Das hier dokumentierte Interview ist nur ein Beispiel.
Im Folgejahr haben dann andere Schüler/-innen des FRG einfach mal ihre Lehrer/-innen zum Interview bestellt. Auch das ein spannendes Projekt.
Verantwortliche Lehrkraft: Peter Blöcker, Studiendirektor
Interview mit Iris Radisch (DIE ZEIT)
In welcher Abteilung arbeiten Sie bei der ZEIT bzw. für welche Rubriken schreiben Sie und warum?
Ich arbeite bei der ZEIT im Ressort Literatur. Früher gehörte dieses Ressort zum Feuilleton, ab Mai 2009 wird es auch wieder zum Feuilleton gehören. Ich bin dort dann verantwortlich für Literatur, das heißt ich kümmere mich darum, welche Bücher in der ZEIT rezensiert werden. Ich selbst schreibe vor allem Literaturkritiken, aber auch Glossen, Reportagen und Kommentare. Ich mache auch Interviews, meistens mit Schriftstellern, manchmal mit Philosophen oder Soziologen.
Wie sind Sie dazu gekommen, bei der ZEIT zu arbeiten?
Ich arbeite seit 1990 bei der ZEIT. Ich habe vorher studiert, Literatur und Philosophie, habe eine Ausbildung als Studienrätin gemacht und als freie Journalistin bei Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen gearbeitet.
Würden Sie sagen, Ihr derzeitiger Beruf sei Ihr Traumberuf?
Ja, mein derzeitiger Beruf ist mein Traumberuf. Manchmal würde ich lieber frei arbeiten, aber dann freue ich mich auch wieder über die täglichen Diskussionen mit meinen Kollegen, die ich sonst vermissen würde. In der Redaktion ist man besser vernetzt und hat ein klareres Gespür für das, was im Land passiert. Oder man hofft das zumindest.
Welchen Traumberuf pflegten (hatten) Sie als Kind?
Als Kind hatte ich keinen Traumberuf. Mein Hauptziel war, in Paris zu studieren und interessante Freunde zu haben, weiter habe ich damals nicht gedacht.
Welche Alternativen boten sich Ihnen in der Vergangenheit, welche bieten sich heute?
Es gäbe schon berufliche Alternativen, aber die Arbeit bei der Zeitung bietet mir für meine Familie die größte soziale Sicherheit und macht mir auch Spaß.
Was macht Ihren Beruf auch nach längerer Zeit noch interessant?
Selbst nach fast 20 Jahren ist der Beruf noch interessant, weil ich ja auch sehr viel selbst schreibe, das fordert die Kreativität immer neu heraus, auch ist die ständige Auseinandersetzung mit neuen Themen und Büchern nie langweilig, weil sich hier nichts wiederholt.
Warum wohnen Sie hier im Landkreis, wenn Sie nicht hier arbeiten?
Ich wohne im Landkreis, weil ich sehr gerne auf dem Lande lebe, die Natur sehr liebe und den Freiraum schätze, den das Leben mir aber vor allem auch meinen Kindern hier bietet. Außerdem ist das Leben in Hamburg für eine fünfköpfige Familie extrem teuer, weil die Mieten für große Wohnungen oder Häuser in den deutschen Großstädten schier unbezahlbar geworden sind.
Wie schaffen Sie es, ihr Privatleben und Ihren Beruf in einer Balance zu halten?
Die Balance zwischen Familie und Arbeit ist ein riesiges Problem. Ich habe darüber ein Buch geschrieben, das “Die Schule der Frauen” heißt. Eine endgültige Lösung gibt es hierfür nicht, immer nur Teillösungen, die ein wenig unbefriedigend bleiben. Man muss damit leben, nicht alles völlig in der Balance haben zu können.
Wo setzen Sie in Ihrem Privatleben Prioritäten, wo im Beruf und wo ganz allgemein?
Die Prioritäten ändern sich im Leben. Mal sind es die Kinder, eine Zeit lang ist es die Liebe, die meiste Zeit ist es wohl die Arbeit. Das Reisen und die Welt erkunden käme noch dazu, aber das schaffe ich überhaupt nicht.
Sie haben ja auch einige Bücher geschrieben. Sehen sie darin eine Berufsalternative, d.h. bei der ZEIT aufzuhören?
Nur vom Bücherschreiben kann man kaum leben, wenn man nicht ein ganz großer Bestsellerautor ist.
Was wäre Ihrer Meinung nach verbesserungswürdig Ihren Beruf betreffend?
Ich würde mir mehr Flexibilität bei der Frage der körperlichen Anwesenheit wünschen, die Möglichkeit auch immer wieder zu Hause zu arbeiten, wenn es möglich ist. Das ist in einem Redaktionsablauf wie bei der ZEIT aber bisher schwer möglich.
Wir sind jetzt 2 Jahre vom Abitur entfernt: Haben Sie abschließend noch einen guten Rat für uns?
Euch wünsche ich, dass Ihr sehr neugierig seid, viel kennen zu lernen und viel zu verstehen. Dass Ihr viel lest, denn das eröffnet Welten und macht nachdenklich.
Alles Gute für eure Zukunft!
Julia S. & Frauke W. (damals Klasse 10b)